#ClosedOrOpen Ein Beitrag zur Blogparade von Beramus


Selten, ganz selten greife ich in die Tasten, um etwas auf diesem, meinem privaten, Blog zu posten. Inzwischen sind mehr als zwei Jahre seit dem letzten Beitrag vergangen, was aber die letzten Wochen passiert ist, kann eigentlich in Worte kaum mehr gefasst werden. Ein kurzer Abriss zum Lockdown bis zur Wiedereröffnung der Museen.

Am Montag, den 6. März habe ich mich bei meinem Arbeitgeber mit einer Erkältung krank gemeldet und verbrachte die folgende Woche mit Fieber im Bett, während um mich herum die Welt sich in rasender Geschwindigkeit veränderte.

Am Freitag, den 13. März, um kurz nach 14 Uhr, wurde das Museum der Alltagskultur geschlossen, der Corona-Virus hatte begonnen sich exponentiell zu verbreiten und das öffentliche und somit wurde auch das kulturelle Leben eingefroren. In den folgenden Tagen musste ich den geschlossenen Rückzug meiner Abteilung ins mobile Arbeiten und neue Kommunikationsstrukturen organisieren.

Lockdown

Eigentlich sollte dies ein Blogbeitrag über Museen und Relevanz werden. Beim Schreiben habe ich allerdings festgestellt, dass ich dafür eigentlich nicht gewappnet bin und meine Argumentationskette nicht schlüssig war. Daher, und weil auch meine Einstellung zum Thema sich ständig ändert, habe ich umgesattelt und auch weil Jörn Brunotte nicht locker gelassen hat, und mich in einer Mischung aus Drill Sergeant und Sozialarbeiter motiviert hat den Artikel endlich zu schreiben.

Seit dem 22. Mai ist das Museum der Alltagskultur wieder geöffnet. Und das ist gut so. Ich schlafe ruhig, weil ich mir sicher bin, dass es allen Kolleg*innen im Besucherservice gut geht und unsere Besucher*innen gerne ins Haus kommen. Jetzt biege ich doch noch zum Thema Relevanz ab. Während das Landesmuseum Württemberg geschlossen war, hat es in einer spontanen und erfolgreichen Weise geschafft eine Online-Sammelaktion auf die Beine zu stellen. Dies war möglich, weil die Kolleginnen aus der Kommunikation dafür sehr hart gearbeitet haben und eine Agentur pro bono für uns tätig war, weil sie selbst Lust auf das Projekt hatten. Unter lmw-corona-alltag.de wurden 38 Tage lang Einreichungen zum Corona-Alltag gesammelt und von und Mitarbeiter*innen des Museums kommentiert und zu einer Online-Ausstellung zusammengefasst. Kunsthistoriker*innen, Kulturwissenschaftler*innen und Archäolog*innen haben sich daran beteiligt, und: es war erfolgreich, über 600 Einreichungen bekamen wir zugesandt.

Kollaterale Schönheit

Warum erzähle ich das? In einer Videokonferenz brachte Arne Gillert den Begriff der “kollateralen Schönheit” in meinen Leben und die Frage, was wir uns aus der Zeit der Krise bewahren wollen und wie ich den ersten Tag nach des Lockdowns gestalten möchte. Damit war für das Museum der Alltagskultur das Projekt “Tag 1” geboren. Wir stellten uns die Fragen: wie wollen wir wieder aufmachen? warum soll jemand in unser Museum kommen, jetzt, nach dem Lockdown? Zwei Kolleginnen aus meiner Abteilung haben sich des Projekts angenommen und eine wunderbare Idee geschaffen und umgesetzt. Deswegen stellen wir seit dem ersten Öffnungstag die Frage “Zurück zur Normalität?“, versehen mit dem Untertitel “Alltag trotz(t) Corona”. Wir wollten damit an unser Sammlungsprojekt anschließen, mit dem Bewusstsein in eine neue Phase des Zusammenlebens und des Alltags getreten zu sein. Alle haben über Alltag in der Corona-Krise gesprochen. Ein Museum der Alltagskultur muss diese Diskussion aufgreifen und fragen, wie sich der Alltag verändert, wie er sich weiter verändert, was bleibt und was wird nie wieder wie es war? Und wer kann diese Fragen nicht besser beantworten als wir alle. Deswegen hatten die beiden Kolleginnen die wunderbare Idee diese Fragen an unsere Besucher*innen weiterzugeben.

Die Wiedereröffnung

Besucher*innen können seitdem überall in der Ausstellung ihre Erfahrungen, Erlebnisse, Wünsche, Hoffnungen und Ängste auf Notizzetteln hinterlassen und damit eine neue Spur in das Museum legen bzw. an der Fortschreibung des Narrativs des Museums sich beteiligen. Das Bedürfnis sich zu beteiligen und sich mitzuteilen ist enorm. Allein in den ersten drei Wochen wurden rund 350 Notizzettel ausgefüllt und in der Ausstellung hinterlegt. Die Menschen akzeptieren das Museum als einen Ort in dem die nahe Vergangenheit als auch die Gegenwart diskutiert werden und sind bereit sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Das Museum wird als relevanter Ort dafür begriffen. Dieses Projekt und auch die verlängerte Sonderausstellung führen dazu, dass wir bei den Besuchszahlen nahezu unser vorheriges Niveau wieder erreicht haben.

#closedoropen

Also #closedoropen? Open! Warum macht die Wiedereröffnung der Museen durchaus Sinn? Wir mussten unsere Lektionen lernen, und ich hoffe wir haben sie gelernt. Damit meine ich nicht nur die Verlagerung von Angeboten ins Digitale oder die Entwicklung neuer Arbeitsmethoden. Sondern die Fragen zu stellen und zu beantworten: warum gibt es uns? und warum soll jemand ins Museum gehen, wenn potentiell überall Gesundheitsgefahren lauern? wie schaffen wir es, nicht in ein Museum der 1960er Jahre zu werden, das all die Errungenschaften der Vermittlung nicht anbieten kann? Wir können den Menschen wirklich etwas bieten. Wir können ein Ort des Diskurses sein. Wir können ein Ort der Gegenwart sein.